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MSC-Zertifizierung im Lebensmittelhandel

EU Green Claims Directive (GCD) und die notwendige Anpassung der MSC-Kommunikation

Leitfaden zur Chain of Custody (CoC), strategischer Wert und die EU Green Claims Compliance 2026

Inhalt

1. Die Relevanz des MSC-Siegels für den modernen Lebensmittelhandel: Vertrauen schaffen in einem volatilen Markt

Die Integration des Marine Stewardship Council (MSC)-Siegels in das Sortiment des Lebensmittelhandels (LEH) ist längst über eine freiwillige Marketingentscheidung hinausgewachsen. Es handelt sich um ein fundamental wichtiges Instrument zur Risikominimierung, zur Sicherstellung der Glaubwürdigkeit von Eigenmarken und zur Erfüllung der regulatorischen Anforderungen. Das MSC-Siegel belegt die Herkunft von Fischen und Schalentieren aus verantwortungsvoller Fischerei und gewährleistet die lückenlose Rückverfolgbarkeit bis zum Verkaufspunkt.

1.1. Grundlagen: Die Rolle des Marine Stewardship Council (MSC) und seine Glaubwürdigkeit

Der MSC ist eine international agierende, gemeinnützige Organisation, die sich das Ziel gesetzt hat, die globale Fischerei durch die Schaffung wirtschaftlicher Anreize in nachhaltigere Bahnen zu lenken. Die Arbeit des MSC stützt sich auf ein transparentes und wissenschaftlich anerkanntes Zertifizierungsprogramm. Die Zertifizierung der Fischerei basiert auf drei wesentlichen Grundsätzen: Die Fischbestände müssen gesund sein, die Auswirkungen auf die Meeresumwelt müssen minimiert werden und es muss ein effektives Fischereimanagement existieren.

Dieses System der unabhängigen Kontrolle und Verifizierung ist für den Handel essenziell, da es die Grundlage liefert, um glaubwürdig das eigene Engagement für den Schutz der Meere zu demonstrieren. Der Handel erfüllt damit direkt seine Verantwortung, sowohl die marine Umwelt als auch die gestiegenen Bedürfnisse der Kunden zu berücksichtigen.

1.2. Marktentwicklung und der Konsumenten-Imperativ

Die Notwendigkeit des MSC-Siegels wird direkt von den Sorgen und Anforderungen der Verbraucher getrieben. Die Kaufentscheidung für zertifizierten Fisch wird von Konsumenten direkt als ein aktiver Beitrag zum Meeresschutz interpretiert. Die Relevanz des Themas zeigt sich in den Konsumentenzahlen: 73% der Verbraucher äußern Besorgnis über den Zustand der Meere.

Zusätzlich verlangen 64% der Konsumenten, dass Nachhaltigkeitsansprüche durch eine unabhängige Organisation wie ein Siegel belegt werden. Diese starke Forderung nach externer Verifizierung erhöht den Druck auf den Handel, die gesamte Lieferkette transparent zu gestalten. Für Handelsunternehmen ist es aufgrund dieser Verbraucherangst und des Verifizierungsverlangens unerlässlich, das MSC-Siegel bei sensiblen Produktgruppen wie Fisch in die Eigenmarkenstrategie zu integrieren. Ohne diese externe Bestätigung würde die Handelsmarke in diesem Segment Gefahr laufen, als unglaubwürdig oder unverantwortlich wahrgenommen zu werden, was dem Primärziel der Eigenmarken, Vertrauen zu gewährleisten, zuwiderliefe.

Der MSC-Standard hat sich zudem zu einem De-facto-Standard in bestimmten Produktgruppen entwickelt. Bereits 75% des kommerziellen Weißfischs stammen aus Fischereien, die am MSC-Programm teilnehmen. Dies bedeutet, dass die Nicht-Einhaltung des Standards nicht nur ein Reputationsrisiko darstellt, sondern auch die langfristige Sicherung der Beschaffungsbasis gefährdet. Die Investition in die Zertifizierung und die Einhaltung der Chain of Custody (CoC) ist somit eine Investition in die operative Kontinuität der Lieferkette.

1.3. MSC versus ASC: Eine notwendige Abgrenzung im Einkauf

Für den Einkauf und das Sortimentsmanagement im LEH ist die klare Unterscheidung der beiden dominanten aquatischen Nachhaltigkeitssiegel von zentraler Bedeutung :

  • MSC (Blaues Siegel): Steht für nachhaltigen Wildfang aus Fischerei.
  • ASC (Grünes Siegel): Steht für verantwortungsvolle Aquakultur, also Fisch aus Zuchtbetrieben.

Um ein vollständiges und glaubwürdiges Nachhaltigkeitssortiment im Bereich Fisch und Meeresfrüchte anbieten zu können, müssen Handelsunternehmen beide Standards (MSC und ASC) in ihren Beschaffungsrichtlinien verankern und deren Einhaltung durch die gesamte Lieferkette sicherstellen.

2. Der Schlüssel zur Glaubwürdigkeit: Die operative Tiefe der MSC Chain of Custody (CoC)-Zertifizierung

Um Produkte am Verkaufspunkt mit dem blauen MSC-Label kennzeichnen zu dürfen, ist die Chain of Custody (CoC)-Zertifizierung für alle Unternehmen in der Lieferkette obligatorisch, die zertifizierte Ware verarbeiten, umpacken, lagern oder anderweitig handhaben. Die CoC dient als Rückgrat der Rückverfolgbarkeit, indem sie garantiert, dass MSC-zertifizierte Ware physisch und buchhalterisch über die gesamte Kette hinweg von konventionell gefangener Ware getrennt bleibt.

2.1. Die CoC als Rückgrat der Rückverfolgbarkeit

Die CoC-Zertifizierung beweist, dass der Fisch oder die Meeresfrüchte bis zu einer nachhaltigen Quelle zurückverfolgt werden können. Die Zertifizierung erfolgt dabei durch unabhängige Stellen, wie beispielsweise die Kiwa BCS Öko-Garantie GmbH. Der Standard stellt sicher, dass der Handel seine Verantwortung für die Integrität des Siegels wahrnimmt. Die operative Implementierung der CoC-Prinzipien stellt für Handelsunternehmen das größte interne Audit-Risiko dar, da die Einhaltung dynamischer Lager-, Verarbeitungs- und Dokumentationsprozesse erfordert.

2.2. Detaillierte Analyse und Umsetzung der Fünf CoC-Prinzipien

Der MSC Chain of Custody Standard umfasst fünf grundlegende Prinzipien. Für den LEH, der typischerweise große Mengen und komplexe Logistikstrukturen verwaltet, ist die präzise Umsetzung aller Prinzipien in den Logistikzentren, Verarbeitungsbetrieben und den dezentralen Filialen zwingend erforderlich:

  1. Prinzip 1: Einkauf bei einem zertifizierten Lieferanten: Die Beschaffungsabteilung muss sicherstellen, dass jede Lieferung von MSC-zertifizierter Ware von einem Lieferanten stammt, dessen CoC-Zertifikat gültig und für den gelieferten Produkt-Scope relevant ist.
  2. Prinzip 2: Zertifizierte Produkte sind eindeutig identifizierbar: Die Ware muss vom Wareneingang bis zur finalen Verpackung durchgängig klar gekennzeichnet und dokumentiert sein, um Verwechslungen auszuschließen.
  3. Prinzip 3: Zertifizierte Produkte sind getrennt von nicht-zertifizierten (Segregation): Dies erfordert eine physische oder zeitliche Trennung der zertifizierten Produkte von unzertifizierter Ware. Dies ist besonders kritisch in Bereichen, in denen Frischfisch verarbeitet oder umgepackt wird, beispielsweise an der Frischfischtheke im Supermarkt. Hier muss durch strikte Verfahren die Vermischung (Kontamination) vermieden werden.
  4. Prinzip 4: Zertifizierte Produkte sind nachverfolgbar und ihre Mengen werden erfasst (Mengenbilanzierung): Dieses Prinzip ist das technisch anspruchsvollste. Es erfordert eine lückenlose Buchführung, die nachweist, dass die aus MSC-zertifizierten Rohstoffen hergestellte und als MSC-zertifiziert verkaufte Menge (Output) die tatsächlich eingekaufte zertifizierte Menge (Input) nicht überschreitet. Die korrekte Erfassung von Verarbeitungsverlusten oder Zuschnittabfällen ist hierbei ein häufiges Audit-Feld.
  5. Prinzip 5: Die Organisation verfügt über ein Managementsystem: Das Unternehmen muss ein dokumentiertes Qualitäts- und Managementsystem unterhalten, das die Prozesse zur Rückverfolgbarkeit, die Schulung der Mitarbeiter, interne Audits und die Behandlung von Beschwerden klar regelt.

Die strenge Forderung nach detaillierter Mengenkontrolle unter P4 beschleunigt die Notwendigkeit der Digitalisierung in der Lieferkette. Ohne automatisierte Datenerfassung (z.B. über moderne ERP- oder QM-Systeme), die über die bloße Etikettierung hinausgehen, wird die Einhaltung der CoC-Prinzipien und die Erstellung der notwendigen Massenbilanznachweise zukünftig kaum noch effizient möglich sein. Das größte Risiko für den Handel liegt in der Nichterfüllung dieser internen Prozessanforderungen.

2.3. Die Rolle der unabhängigen Zertifizierungsstelle

Unabhängige Zertifizierungsstellen prüfen die Einhaltung der fünf CoC-Prinzipien rigoros. Ein Scheitern bei einem Audit, insbesondere aufgrund von Mängeln in der Mengenbilanzierung oder Segregation, kann zur Aussetzung des Zertifikats führen und damit die gesamte MSC-zertifizierte Eigenmarkenlinie eines Händlers unmittelbar gefährden.

Tabelle 1 fasst die kritischen Anwendungsfelder des CoC-Standards für Handelsunternehmen zusammen:

Die 5 Prinzipien des MSC Chain of Custody (CoC) Standards für den Lebensmittelhandel

prinzipien

3. Strategischer Wettbewerbsvorteil und die Rolle der Eigenmarken

Der Einsatz des MSC-Siegels ist ein strategisches Instrument zur Positionierung im Wettbewerb und zur Stärkung der Eigenmarken. Durch die Nutzung des weltweit bekanntesten Siegels für nachhaltig gefangenen Fisch können Handelsunternehmen ihre Produkte glaubwürdig kennzeichnen und sich von Mitbewerbern abheben.

3.1. MSC als Differenzierungsmerkmal im Sortiment

Das Siegel dient dazu, die steigende Nachfrage der Konsumenten nach nachhaltig gefangenem Fisch zu bedienen und gleichzeitig aktiv zur Sicherung der Fischbestände für die Zukunft beizutragen. Der Reputationsgewinn wird durch die Tatsache gestützt, dass das Engagement auf einem wissenschaftlich anerkannten und transparenten Zertifizierungsprogramm fußt.

Die Nutzung des Siegels ermöglicht es dem Handel, Kommunikation und Marketing auf Basis einer objektiv verifizierten Nachhaltigkeitsleistung zu führen. Ergänzt wird dies durch Kampagnen und Aktionen, wie die jährliche "FischGewiss"-Aktionswoche, die darauf abzielt, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit für nachhaltigen Fischfang zu erhöhen.

3.2. Die Strategische Allianz: MSC und Eigenmarken (Private Label)

Eigenmarken sind bei deutschen Konsumenten sehr beliebt und oft die bevorzugte Wahl. In diesem Kontext ist das MSC-Siegel kein Premium-Feature, sondern ein entscheidender Qualitätsgarant für die Preispositionierung. Die strategische Nutzung des MSC-Siegels ermöglicht es Handelsunternehmen, die Glaubwürdigkeit und den wahrgenommenen Wert ihrer Eigenmarken zu steigern, ohne dass zwingend ein signifikanter Mehrpreis erforderlich ist. Das Siegel wird somit zu einem Standard-Feature von Private Labels in diesem Segment.

Große Handelsgruppen haben diese strategische Bedeutung erkannt. Die REWE International AG beispielsweise unterstützt den nachhaltigen Fischfang aktiv, indem das MSC-Siegel auf einer wachsenden Zahl ihrer Fischereiprodukte der Eigenmarken platziert wird. Die REWE Group integriert MSC/ASC-Zertifizierungen in ihre umfassenden Beschaffungsrichtlinien, oft parallel zu anderen Standards wie Bio-Zertifizierungen, VLOG (gentechnikfrei) oder Haltungsformstufen.

Diese kohärente, vertikale Integrationsstrategie, bei der MSC neben anderen Zertifizierungen genutzt wird, zeigt, dass die CoC-Prinzipien als Blaupause für das Management komplexer, zertifizierter Rohstoffe dienen. Durch die Schaffung von Synergien in der Auditierung und Dokumentation über verschiedene Standards hinweg wird die Effizienz der Qualitätssicherung verbessert.

4. Kritik, Greenwashing und die Zäsur der EU Green Claims Directive (GCD)

Trotz der strengen Anforderungen und der wissenschaftlichen Basis des MSC sieht sich der gesamte Nachhaltigkeitssektor einer tiefen Glaubwürdigkeitskrise gegenüber. Verbraucher sind zunehmend skeptisch: Mehr als die Hälfte der Öffentlichkeit glaubt, dass Unternehmen Greenwashing betreiben, um ihre Nachhaltigkeitsbemühungen zu beschönigen. ( Querverweis: https://lebensmittelhandel-bvl.de/nachhaltiger-fischfang-das-msc-zertifizierungsprogramm-steht-in-der-kritik/ )

4.1. Die Glaubwürdigkeitskrise: Kritik und Skepsis

Die Skepsis ist berechtigt, da viele Claims in der EU nicht fundiert sind. Aktuelle Daten zeigen, dass 53% der Green Claims vage, irreführend oder unbegründet sind, und alarmierende 40% der Claims keine unterstützenden Beweise aufweisen. Diese Unzuverlässigkeit im Markt wird zusätzlich durch die Existenz von 230 Nachhaltigkeits-Labels in der EU mit unterschiedlichen Transparenzgraden begünstigt. Auch große Organisationen, die Siegel verwenden oder unterstützen, geraten in die Kritik und werden mit Greenwashing-Vorwürfen konfrontiert.

Dieser Kontext macht es für den LEH unumgänglich, die Kommunikation extrem präzise zu halten und sich auf unabhängige, drittverifizierte Programme zu stützen.

4.2. Die EU Green Claims Directive (GCD): Eine regulatorische Zäsur

Die Europäische Union hat mit der vorgeschlagenen Green Claims Directive (GCD) eine regulatorische Zäsur eingeläutet, um dem Greenwashing entgegenzuwirken und Verbrauchern fundierte Kaufentscheidungen zu ermöglichen. Die Richtlinie stellt die größte Herausforderung für die Kommunikationsstrategie des Handels seit Langem dar.

Die GCD hat zwei zentrale Kernverbote :

  • Verbot generischer Claims: Die Verwendung generischer Nachhaltigkeitsaussagen (wie "umweltfreundlich" oder "nachhaltig") ohne detaillierte, beweisbare Substantiierung wird untersagt.
  • Verbot nicht-zertifizierter Labels: Neue Vorschriften verbieten die Nutzung von Nachhaltigkeits-Labels, die nicht auf einem Zertifizierungsschema mit Drittüberprüfung basieren oder von einer öffentlichen Behörde etabliert wurden.

Die MSC-Zertifizierung befindet sich aufgrund ihrer wissenschaftlichen Basis und der obligatorischen Drittverifizierung in einer strategisch vorteilhaften Position. Die Nutzung der offiziellen, von MSC angepassten Claims bietet dem LEH den sichersten Weg zur Einhaltung der GCD. Die Investition in die MSC-Compliance wird damit von einer freiwilligen Qualitätsentscheidung zu einer juristischen Notwendigkeit. Handelsunternehmen, die ab 2026 weiterhin generische, nicht-zertifizierte Claims verwenden, setzen sich einem signifikanten juristischen Risiko aus.

4.3. Auswirkungen und Fristen: Was Händler bis September 2026 umsetzen müssen

Die EU Empowering Consumers for the Green Transition (ECGT) Directive, die der GCD zugrunde liegt, hat eine kritische Frist gesetzt:

  • Der Stichtag: Die Umsetzung muss bis zum 27. September 2026 erfolgen. Zu diesem Zeitpunkt müssen alle Claims auf dem Markt, einschließlich der auf bereits gedruckten Verpackungen, den neuen Gesetzen entsprechen.

Der MSC hat seine globalen Claims proaktiv überarbeitet, um die Konformität mit der neuen EU-Gesetzgebung sicherzustellen. Dies gibt Partnern eine geprüfte Grundlage für ihre Kommunikation. Es ist jedoch zu beachten, dass die rechtliche Verantwortung für die Einhaltung der Vorschriften beim Händler liegt, der den Claim verwendet. Das bedeutet, die Integrität des internen CoC-Systems (insbesondere P4: Mengenbilanzierung und P5: Managementsystem) bildet die Grundlage für die rechtliche Verteidigung des Claims.

Die Logistik und das Bestandsmanagement stehen unter erheblichem Zeit- und Budgetdruck. Die Frist gilt für alle Produkte im Markt. Handelsunternehmen müssen daher ihre Verpackungsbestände aktiv steuern und möglicherweise ältere, nicht-konforme Verpackungen abschreiben, um die Einhaltung bis September 2026 zu gewährleisten.

Tabelle 2 verdeutlicht die grundlegenden Veränderungen, die durch die GCD ausgelöst werden:

EU Green Claims Directive (GCD) und die notwendige Anpassung der MSC-Kommunikation

tabelle

5. Zukunftssicherung, Marktentwicklung und Integration weiterer Standards

Die Bedeutung der MSC-Zertifizierung wird in den kommenden Jahren weiter zunehmen, sowohl aus Gründen der Beschaffungssicherheit als auch aufgrund der regulatorischen Entwicklung.

5.1. Sicherung der langfristigen Versorgung

Durch die Förderung gesunder Fischbestände trägt der MSC direkt zur langfristigen Sicherung der Meeresfrüchteversorgung bei. Der Handel, der konsequent auf zertifizierte Quellen setzt, minimiert das Risiko, dass kritische Rohstoffe aufgrund von Überfischung oder mangelndem Management ausfallen. Da nur etwa 2-3% unserer globalen Nahrung aus aquatischen Systemen stammen, obwohl zwei Drittel der Erde mit Wasser bedeckt sind, ist die verantwortungsvolle Nutzung dieser Ressourcen (MSC/ASC) von wachsender Bedeutung für die zukünftige Ernährungssicherheit.

5.2. Multi-Labeling und die Entwicklung von Beschaffungsrichtlinien

Der moderne LEH verfolgt eine ganzheitliche Nachhaltigkeitsstrategie, die eine Kombination von Standards erfordert, um alle Dimensionen der Verantwortung abzudecken (Umwelt, Tierwohl, Soziales). So nutzt die REWE Group MSC/ASC ergänzend zu Standards für Haltungsformstufen, Bio-Zertifizierung und dem VLOG-Siegel. Die operativen Strukturen, die zur Einhaltung der MSC CoC-Prinzipien (insbesondere P3 zur Segregation und P4 zur Rückverfolgbarkeit) geschaffen werden, sind nicht nur für Fisch relevant. Sie schaffen Synergien und dienen als effiziente Grundlage für das Management aller anderen zertifizierten Warenströme, wie etwa Bio-Produkte.

5.3. Technologische und regulatorische Ausblicke

Die steigenden Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit, wie sie auch in der EU-Verordnung über entwaldungsfreie Produkte (EUDR) für andere Rohstoffe zu beobachten sind, deuten darauf hin, dass die CoC-Anforderungen in Zukunft noch detaillierter werden. Die Notwendigkeit der lückenlosen Mengenkontrolle (P4) und die Forderung nach unanfechtbaren Beweisen unter der GCD beschleunigen die Einführung digitaler Lösungen zur transparenten Rückverfolgung.

6. Häufig gestellte Fragen (FAQs) zur MSC-Zertifizierung im LEH

F1: Wie hoch sind die typischen Kosten für die MSC CoC-Zertifizierung und Lizenzierung im Lebensmittelhandel?

Die Kosten setzen sich im Wesentlichen aus drei Komponenten zusammen: den Lizenzgebühren an den MSC, den Kosten für die jährlichen externen Audits durch eine unabhängige Zertifizierungsstelle (wie Kiwa BCS ) und den internen Kosten für die Implementierung und Pflege des Managementsystems (P5). Die Auditkosten variieren stark je nach Komplexität des Betriebs (Anzahl der Standorte, Art der Verarbeitung, Volumen) und können zwischen wenigen Tausend und mehreren Zehntausend Euro pro Jahr liegen. Lizenzgebühren werden basierend auf dem zertifizierten Umsatz berechnet. Die größten indirekten Kosten entstehen jedoch häufig durch die notwendige Investition in IT-Systeme und Mitarbeiterschulungen zur lückenlosen Mengenkontrolle (P4) und zur Gewährleistung der Segregation (P3).

F2: Wie kann der Handel die 5 CoC-Prinzipien effektiv in dezentralen Filialen (z.B. Fischtheken) umsetzen?

In dezentralen Einheiten, insbesondere an Frischfischtheken, ist die Segregation (P3) der wichtigste Aspekt. Dies erfordert klare zeitliche und räumliche Trennung von MSC-Ware und unzertifizierter Ware, einschließlich getrennter Schneidbretter, Messer und Lagerbereiche. Die Mengenbilanzierung (P4) wird durch präzise Protokollierung von Wareneingang, Zuschnittverlusten und Verkaufsmengen gewährleistet. Schulungen des Thekenpersonals (P5) sind zwingend erforderlich, um sicherzustellen, dass die Prozesse der Rückverfolgbarkeit und die korrekte Kennzeichnung eingehalten werden.

F3: Welche Sanktionen drohen, wenn ein Handelsunternehmen die EU Green Claims Frist im September 2026 verpasst?

Das Versäumen der Frist oder die fortgesetzte Verwendung von nicht-konformen, irreführenden Claims kann schwerwiegende juristische und finanzielle Folgen haben. Die GCD zielt darauf ab, irreführende Angaben zu bestrafen. Sanktionen umfassen Abmahnungen durch Wettbewerber oder Verbraucherverbände, Bußgelder durch Aufsichtsbehörden und erhebliche Reputationsschäden durch das öffentliche Stigma des Greenwashing. Da die Verantwortung beim Händler liegt, muss ab dem Stichtag 27. September 2026 die Konformität jeder Verpackung im Regal gewährleistet sein.

F4: Was ist der Hauptunterschied zwischen der MSC-Zertifizierung und dem ASC-Standard und wann wird welcher Standard benötigt?

Der MSC-Standard (blaues Siegel) ist für Wildfang konzipiert und zertifiziert Fischereien basierend auf Nachhaltigkeit der Bestände, Umwelteinfluss und Management. Der ASC-Standard (grünes Siegel) ist für Aquakultur (Zucht) konzipiert und zertifiziert Zuchtbetriebe basierend auf Umweltleistung und sozialen Kriterien. Beide Siegel sind notwendig, um ein Fischsortiment umfassend abzudecken und die Rückverfolgbarkeit von der Quelle bis zum Endkunden zu garantieren.

F5: Wirkt das MSC-Siegel der wachsenden Skepsis gegenüber Greenwashing entgegen?

Ja. Das MSC-Siegel dient als unabhängiger, drittverifizierter Beleg, der die Anforderung der Verbraucher nach glaubwürdiger Bestätigung erfüllt. Die Anpassung der MSC-Claims an die strengen Vorgaben der EU Green Claims Directive (GCD) positioniert das Siegel als eines der sichersten Werkzeuge im Markt, um Claims zu substanziieren und Greenwashing-Vorwürfen präventiv entgegenzuwirken. Der Schlüssel liegt jedoch darin, dass der Handel die Kommunikation präzise und gemäß den neuen MSC-Vorgaben hält.

F6: Kann ein unzertifizierter Händler MSC-zertifizierte Produkte verkaufen?

Grundsätzlich ist die CoC-Zertifizierung für jedes Unternehmen obligatorisch, das MSC-zertifizierte Produkte kauft, lagert oder verkauft. Eine Ausnahme besteht oft nur dann, wenn das Produkt in einer versiegelten Endverbraucherverpackung ohne jegliche Veränderung (wie Umpacken, Öffnen oder Verarbeitung) vom zertifizierten Lieferanten bezogen wird. Sobald jedoch der Händler die Verpackung öffnet, umpackt oder den Fisch verarbeitet (z.B. an der Theke), ist die eigene CoC-Zertifizierung zwingend erforderlich, um die Integrität der Lieferkette zu gewährleisten.

Fazit und Strategische Handlungsempfehlungen für den LEH

7.1. Fazit: Der MSC als Compliance-Katalysator

Die MSC-Zertifizierung ist für den Lebensmittelhandel weit mehr als ein freiwilliges Bekenntnis zur Nachhaltigkeit; sie ist ein fundamentaler Baustein der operativen Exzellenz und der regulatorischen Compliance. Die Chain of Custody (CoC) garantiert die physische Integrität des Produktstroms, und die Einhaltung des Standards sichert die langfristige Beschaffung der Rohstoffe in einem wachsenden Markt.

Mit der Einführung der EU Green Claims Directive (GCD) im Jahr 2026 wandelt sich die MSC-Zertifizierung von einem Wettbewerbsvorteil zu einer unverzichtbaren juristischen Absicherung. Der MSC hat durch die proaktive Anpassung seiner Claims seine Hausaufgaben gemacht und dem Handel eine belastbare Grundlage für die Kommunikation geliefert. Die Hauptverantwortung liegt nun beim Handel, seine internen CoC-Systeme, insbesondere die Prozesse der Mengenbilanzierung (P4), zu stärken und die strikte Frist der GCD einzuhalten, um Bußgelder und einen Reputationsverlust zu vermeiden, der die gesamte Eigenmarkenstrategie untergraben könnte.

7.2. Handlungsempfehlungen für strategische Entscheider

  1. Compliance-Audit zur GCD (Deadline 27.09.2026): Strategische Entscheider müssen unverzüglich ein umfassendes Audit aller Produkt-Claims und Verpackungsbestände im Bereich Fisch und Meeresfrüchte initiieren. Eine enge Koordination mit der Rechtsabteilung ist unabdingbar, um sicherzustellen, dass ab September 2026 keine nicht-konformen Verpackungen mehr auf dem Markt sind.
  2. Stärkung der CoC-Infrastruktur: Das Managementsystem (P5) und die Mengenbilanzierung (P4) sollten als kritische Geschäftsprozesse behandelt werden, nicht nur als Audit-Anforderungen. Eine Investition in automatisierte, digitale Lösungen zur Rückverfolgbarkeit (z.B. in ERP-Systemen) ist notwendig, um die Prozesseffizienz zu steigern, menschliche Fehler zu minimieren und die Integrität der CoC-Kette lückenlos zu gewährleisten.
  3. Ganzheitliche Beschaffungsstrategie konsolidieren: Die Erfahrung und die operativen Strukturen, die für die MSC CoC geschaffen wurden, sollten zur Harmonisierung des Managements anderer komplexer Nachhaltigkeitsstandards (ASC, Bio, VLOG) genutzt werden. Dies ermöglicht es dem Handel, durch eine konsistente Multi-Siegel-Strategie die Position seiner Eigenmarken als marktführend in Sachen Verantwortung und Transparenz zu festigen.
  4. Kommunikation radikal präzisieren: Es ist zwingend erforderlich, alle generischen Nachhaltigkeitsaussagen, die nicht durch unabhängige, drittverifizierte Programme wie den MSC belegt sind, zu entfernen. Die zukünftige Kommunikation muss spezifisch, beweisbar und konform mit den offiziellen, angepassten MSC-Claims erfolgen, um die Anforderungen der EU-Regulierung zu erfüllen und das Vertrauen der kritischen Verbraucher zu gewinnen.
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Wissen und Hilfe 

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Nachhaltiger Lebensmittelhandel

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